Forschungsprojekt von P. Dr. Jakob Helmut Deibl OSB

Poetik des Verlorenen - Gottesfrage und Humanismus bei Hölderlin

Das Werk Friedrich Hölderlins versagt sich einer Klassifizierung und ist vielmehr dadurchgekennzeichnet, dass es an verschiedenen Übergängen steht: am Übergang von Poesie, Philosophie und Religion, am Übergang von Mythos und Aufklärung, am Übergang vonTheismus und Atheismus sowie am Übergang von griechisch-antikem, neuzeitlichphilosophischem und biblischem Denken. Eine kontinuierliche Lektüre von Hölderlins Dichtung lässt zwei gegenläufige Tendenzen erkennen: Einerseits wird ein sukzessives Zerbrechen sämtlicher leitender Vorstellungen, welche über lange Zeiträume das Gedächtniswie die projektive Imaginationskraft Europas bedeutet hatten, und der ihnen korrespondierenden Zeitverständnisse deutlich - Utopie und Zukunft, Erinnerung und Vergangenheit, Natur und zeitlose Ewigkeit, Vaterland und Verräumlichung von Zeit, schließlich Religion und Sprache. Andererseits mündet dieser Ab-Gesang nicht in einen Nihilismus als Auflösung jeglicher Strukturen oder in ein Verstummen, sondern erweist sich zunehmend als Bemühen, nach dem Ende jener Vorstellungen und Bilder eine neue Sprachezu finden, in der sich wieder Sinnrichtungen und Bedeutungen einzustellen beginnen - man könnte Hölderlin darum auch als einen Dichter des "Postapokalyptischen" bezeichnen. Dabei zielt er nicht auf neue "Programme" oder die Wiederaneignung überkommener Versuche der Fundamentierung des Daseins, sondern auf die Offenheit für eine Sprache, welche der drohenden Gefahr des Verstummens widersteht und so auch Beitrag für einen (neuen) Humanismus sein könnte. Die These des Projektes "Gottesfrage und Humanismus bei Hölderlin" lautet, dassGottesfrage und die Frage nach dem Menschen in jenem Prozess des Zerbrechens sowie der Suche nach einer neuen Sprache nicht voneinander getrennt werden können, sondern stets miteinander verschränkt zu betrachten sind.

Das Projekt stellt in diesem Zusammenhang folgende Fragen:

  • Welche Rolle spielt Hölderlins verstärkte Zuwendung zum biblischen Narrativ (besondersder christlichen Erzählung von Inkarnation und Kreuz) in seinen späten Hymnen? Inwiefernist diese Annäherung mit der Suche nach einer neuen Sprache für das Menschlicheverbunden?
  • Inwiefern war das Motiv der Öffnung auf eine neue Sprache nach dem Zerbrechensämtlicher leitender Vorstellungen das Eingangstor für die breite Rezeption, welche derbeinahe vergessene Dichter nach 1914 erfuhr?
  • In welcher Weise hat die Theologie Hölderlin rezipiert?